Haartracht

Haartracht
Haar|tracht 〈f. 20Art der Frisur, von der Mode abhängige Art, das Haar zu tragen

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Haar|tracht, die (veraltend):
(in einer bestimmten Zeit, bei einer bestimmten sozialen Schicht o. Ä.) übliche Art, das Haar zu tragen; Frisur.

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Haartracht,
 
Frisur, die Art, das Kopfhaar zu tragen; für die Haartracht lassen sich in allen Zeiten bei den einzelnen Völkern und sozialen Gruppen Eigenarten und Zeitmoden erkennen. Sie sind bestimmt vom Wechsel zwischen langem und kurzem, glattem und lockigem Haar, geschorenem Kopf sowie dem Einsatz von Farben, Haarschmuck, künstlichen Haaren und Perücken.
 
 Altertum und germanische Frühzeit
 
Für die alten Völker des Mittelmeerraumes und des Vorderen und Mittleren Orients war das Haar Sitz der Lebenskraft. Seiner Pflege und Gestaltung kam symbolische Bedeutung zu. Als Pars pro toto war das Haar Objekt magisch-kultischer Handlungen. Bestimmte Haartrachten kennzeichneten den sozialen und persönlichen Status ihrer Träger und waren Ausdruck sich wandelnder Moden. Ägypter, Hethiter, Assyrer, Babylonier trugen langhaarige, sorgfältig frisierte Perücken, oder sie drehten das lange eigene Haar zu einzelnen gesalbten Lockensträhnen; im ägyptischen Neuen Reich setzten die Frauen kleine Salbkegel auf den Kopf, aus denen parfümiertes Fett über Kopf und Schultern floss.
 
Bei den Griechen ging die Entwicklung der Frisur beim Mann vom langen, gekräuselten Haar der Frühzeit zum seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. sich durchsetzenden kurzen Haarschnitt, der bei den Römern noch kürzer wurde. Eine besondere spätarchaische Frisur war der auch bei der Frau gebräuchliche Krobylos, bei dem das lange Haar mit einer Binde hochgenommen wurde, über die es wieder herabfiel. Die Frau trug das Haar auf verschiedene Art gelockt, oft gescheitelt und am Hinterkopf meist zu einem Knoten hochgebunden. Bei der Römerin der Kaiserzeit türmte es sich über der Stirn zu dichten Locken auf, was zur Verwendung künstlichen Haares führte. Es wurde Mode, gebleichtes Haar zu tragen oder das blonde Haar der Germanin als Perücke zu verwenden.
 
Die Germanen trugen das Haar lang herabfallend oder - v. a. bei den Elbgermanen und den ostgermanischen Bastarnen - über der Schläfe zu einem Knoten (Swebenknoten) zusammengebunden. Die germanischen Frauen steckten es meist in ein um den Hinterkopf gelegtes Netz. Bei den Franken war bis in die Merowingerzeit langes Haar den Herrschern vorbehalten. Das Haar der Kelten war kurz oder halblang, wurde oft durch Waschen mit Kalklauge aufgehellt und streng nach hinten gekämmt; auch die keltischen Frauen bevorzugten kurzes Haar, trugen aber auch Zopffrisuren.
 
 
Sowohl im Mittelalter wie auch in der Neuzeit (bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts) waren bestimmte Haartrachten entsprechend der Kleiderordnung bestimmten sozialen Schichten vorbehalten. Im frühen und hohen Mittelalter überwog beim Mann mäßig langes Haar, das seit dem späten 12. Jahrhundert zu einer das Gesicht rahmenden Lockenfrisur wurde und erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts einem kurzen, über den Ohren ausrasierten Haarschnitt wich. Die unverheiratete Frau trug das Haar offen herabhängend oder zu Zöpfen geflochten, die verheiratete band es hoch und barg es unter Kopftuch oder Haube. Zum Zusammenhalten diente neben Bändern und Binden häufig ein Netz, welches das Haar im Nacken oder über den Ohren hochhielt, bisweilen aber auch ganz umschloss. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde das Haar zur burgundischen Hofmode über den Schläfen aufgesteckt, von aufwendigen Hauben bedeckt oder geformt. Beim Mann hielt sich der kurze, über den Ohren und im Nacken ausrasierte Haarschnitt bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Gleichzeitig aber kam im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts auch wieder eine Verlängerung des Haupthaares auf, die im Verlauf der zweiten Jahrhunderthälfte zu langem, bis auf die Schultern fallendem, glattem oder gelocktem Haar und in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zur geradlinig verkürzten Kolbe führte.
 
Die spanische Mode brachte dann wieder kurzen Haarschnitt. Die weibliche Haartracht zeigte im 15. Jahrhundert in Italien Stirn und Schläfen weit ausrasiert, Seitenlocken und am Hinterkopf einen Knoten. In Deutschland legte man die Zöpfe vorn über den Kopf.
 
 
Seit dem 16. Jahrhundert verlor mit zunehmender Abkehr von dem mittelalterlichen Weltbild sowie unter dem Einfluss der Reformation das verhüllende Gebände auch für die verheiratete Frau an Bedeutung. Neben die traditionelle Leinenhaube traten Barette und Hüte, unter denen lange Hängezöpfe über den Rücken fielen. Auf in netzartigen Hauben zusammengefasstem oder über Stirn und Schläfen gebauschtem Haar saßen modische Hütchen oder Zierhauben. Im 17. Jahrhundert wurde die Frisur wieder breiter und lockiger. In Spanien trug die Frau um 1650/60 seitliche Hängelocken. Dem Mann brachte das immer üppiger und länger getragene Haar in den 1680er-Jahren die Perücke. Sie gipfelte in der Allongeperücke um 1700, zunächst aus braunem und blondem, dann nur noch aus weißem Haar. Seit 1720 wurde sie flacher und kürzer, das Haar wurde nur noch seitlich und am Hinterkopf in mehreren Reihen, dann nur noch zu einzelnen festen Locken gedreht und schließlich das glatte, lange Hinterhaupthaar in einem Haarbeutel mit Schleife aufgefangen und die Frisur auch aus dem eigenen gepuderten Haar hergestellt.
 
In Deutschland setzte sich der von Friedrich Wilhelm I. - als Gegenmode zur aufwendig-höfischen Allongeperücke - beim preußischen Militär eingeführte Zopf durch, bei dem das lange Hinterhaupthaar dicht mit gesteiftem schwarzen Band umwickelt wurde. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen, gefördert durch englischen Einfluss und die Umwälzungen der Französischen Revolution, Locken, Puder, Haarbeutel und Zopf zu verschwinden, und der Mann trug nach betonter Saloppheit der gegen 1800 noch langhaarigen Frisur seit dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts meist einen kurzen Haarschnitt mit oder ohne Scheitel. Die Frau trug gegen Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Haare über der Stirn hochgelockt und am Hinterkopf einzelne gelockte Strähnen. Danach wurde das weiß gepuderte Haar flach frisiert mit einigen fest gedrehten seitlichen und längeren Hängelocken. Nach der Jahrhundertmitte setzte eine durch künstliche Unterlagen gesteifte Auftürmung des Haares ein mit Lockenwülsten und hochgebundenem Hinterhaupthaar, die in den 1770er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte (Hérisson). Die Frisur wurde in den letzten Jahrzehnten flacher und lockerer und leitete über den der Antike entlehnten, auch vom Mann getragenen Tituskopf um 1800 über zu den unterschiedlichen Haartrachten des 19. Jahrhunderts, unter ihnen die seitliche Lockenwülste nebst Scheitelknoten im Biedermeier, der glatte Mittelscheitel mit ebenfalls seitlichen Hängelocken gegen die Jahrhundertmitte und die auf Hinterkopf und Nacken konzentrierten Frisuren mit herabhängenden Zöpfen und Locken (Chignon) der folgenden Jahrzehnte. Um die Jahrhundertwende wurde das Haar leicht gewellt (Ondulation), hoch toupiert und mit Scheitelknoten getragen. Die Erfindung der Dauerwelle förderte seit 1920 den kurzen Haarschnitt (Bubikopf), der vom glatten Pagenkopf und Herrenschnitt zu zahlreichen mehr oder weniger lockigen Frisuren führte. Zur Ergänzung der Frisur aus eigenem Haar werden seit den 1960er-Jahren vielfach zusätzlich Haarteile und auch ganze Perücken getragen.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten für Frauen und Männer eine Vielzahl rasch wechselnder Modefrisuren. Für Pferdeschwanz, Fransenschnitt sowie bei den Männern mit Brillantine in Form gebrachte »Enten-Po«-Frisuren und »Schmachtlocken« waren Schauspieleridole der 1950er-Jahre wie Brigitte Bardot, Audrey Hepburn, J. Dean, E. Presley u. a. Vorbilder. Mit dem »Beatle-Look« der 1960er-Jahre setzte sich auch bei den Männern eine längere Haartracht durch. Hippiebewegung und Studentenrevolte förderten mit langen, oft betont ungepflegten Haaren bei der Jugend eine weit verbreitete Antimode, der erst in den 1970er-Jahren von mit Farbe und Haargel kantig gestylten Punkfrisuren bis hin zur »Skinhead«-Glatze eine neue Ausrichtung gegeben wurde.
 
Bei den Frauen wurden hoch toupierte Köpfe in den späten 1960er-Jahren von geometrisch geschnittenen Frisuren und ebenfalls langem offenem Haar abgelöst. Luftgetrocknete Dauerwellen fügten für alle Haarlängen neue Varianten hinzu (»Afrolook«), während der Einfluss der Punkmode auch hier erneut glatthaarigen Kurzhaarfrisuren Vorschub leistete.
 
Von den außereuropäischen Völkern, deren Haartrachten beständiger sind und die erst seit dem 20. Jahrhundert begonnen haben, zur europäischen Mode überzugehen, haben besonders Chinesen und Japaner charakteristische Frisuren entwickelt. Chinesische und japanische Frauendarstellungen aus dem 3.-9. Jahrhundert zeigen bereits das glatt gekämmte Haar auf dem Kopf zu Knoten aufgesteckt, wie es ähnlich noch heute in Japan üblich ist. Beim Mann wechselte langes und kurzes Haar mit Rasur bis zum Hinterkopf; in China wurde im 17. Jahrhundert von den Mandschukaisern der Zopf eingeführt, der erst im 20. Jahrhundert abgeschafft wurde. Inderinnen tragen seit Jahrhunderten meist Mittelscheitel und Nackenknoten, Perserinnen, Araberinnen, Türkinnen dagegen hielten lange Zeit an der offenen Haartracht fest, oder die Haare wurden geflochten und mit Goldfäden, Perlenreihen, Bändern durchzogen. Von den Schwarzafrikanern tragen viele kurzen Haarschnitt, wobei zuweilen das Haar stellenweise zu ornamental wirkenden Frisuren ausrasiert oder in Büscheln zusammengefasst wird, andere salben das lange Haar und drehen es zu einzelnen Strähnen oder Zöpfchen. Australier und Polynesier bevorzugen einen dichten buschigen Haarschopf, und die Indianer Nord- und Südamerikas, Männer wie Frauen, lassen es meist, nur von einem Band zusammengehalten, lang herabhängen.
 
 
R. Corson: Fashions in hair (London 1965);
 
Die Frisur. Eine Kulturgesch. der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart, hg. v. M. Jedding-Gesterling u. a. (1988);
 S. Balabanova: . .. aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold. .. Haar im Spiegel der Kultur u. Wiss. (1993).

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Haar|tracht, die (veraltend): (in einer bestimmten Zeit, bei einer bestimmten sozialen Schicht o. Ä.) übliche Art, das Haar zu tragen; Frisur.

Universal-Lexikon. 2012.

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